Meine kleidung ist mein Zuhause

Was würden Sie antworten, wenn ich Sie frage:

Fühlen Sie sich in Ihrer Kleidung zu Hause?

Die meisten Menschen denken bei Kleidung zuerst an Farben, Schnitte oder Stil. Daran, was ihnen steht oder wie sie wirken möchten. Viel seltener stellen wir uns eine andere Frage:

Wie fühlt sich meine Kleidung eigentlich an?

Dabei verbringen wir mehr Zeit in ihr als an jedem anderen Ort. Sie begleitet uns vom ersten Moment des Tages bis zum Abend. Sie berührt unsere Haut, folgt jeder Bewegung und ist bei jeder Begegnung dabei.

Und trotzdem schenken wir ihr oft erstaunlich wenig Aufmerksamkeit.

Vielleicht kennen Sie das.

Es gibt Kleidungsstücke, nach denen Sie ganz selbstverständlich greifen. Nicht, weil sie besonders modisch wären. Sondern weil Sie sich darin sofort wohlfühlen. Ihr Körper entspannt sich. Sie bewegen sich freier. Sie denken nicht mehr über Ihre Kleidung nach.

Und dann gibt es das Gegenteil.

Eine Hose, die ständig zurechtgezogen werden muss.

Ein Blazer, der die Schultern festhält.

Ein Stoff, der kratzt.

Ein Schuh, der nach einer Stunde schmerzt.

Oft nehmen wir all das hin.

Manchmal über Jahre.

Nicht, weil es sich gut anfühlt, sondern weil wir glauben, dass Kleidung so ist.

Ich frage mich oft, wann wir gelernt haben, unserem Spiegel mehr zu vertrauen als unserem Körper.

Denn unser Körper bewertet nicht.

Er reagiert.

Er zeigt uns sehr zuverlässig, ob etwas weit macht oder eng. Ob wir frei atmen können. Ob wir ständig an unserer Kleidung ziehen oder sie nach kurzer Zeit vergessen, weil sie selbstverständlich geworden ist.

Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied.

Kleidung, die ständig Aufmerksamkeit verlangt, beschäftigt uns.

Kleidung, die zu uns passt, schenkt sie uns zurück.

Sie schafft Raum.

Nicht nur für Bewegung.

Auch für Gedanken.

Für Begegnungen.

Für das, was uns wirklich wichtig ist.

Vielleicht ist das der Grund, warum manche Menschen eine besondere Ausstrahlung besitzen.

Nicht, weil sie perfekt gekleidet sind.

Sondern weil ihre Kleidung nicht zwischen ihnen und der Welt steht.

Wir sprechen oft davon, dass Kleidung unsere zweite Haut ist.

Ich glaube, dieses Bild ist wörtlicher gemeint, als wir denken.

Unsere Haut schützt uns. Sie grenzt uns nicht von der Welt ab, sondern verbindet uns mit ihr. Über sie erleben wir Wärme, Kälte, Nähe und Berührung.

Auch Kleidung berührt uns den ganzen Tag.

Warum sollte sie deshalb keine Wirkung auf unser Wohlbefinden haben?

Vielleicht beginnt Stil deshalb an einem ganz anderen Ort, als wir es anzunehmen gewohnt sind.

Nicht im Kleiderschrank.

Nicht im Spiegel.

Sondern in der Aufmerksamkeit für das eigene Erleben.

Wenn wir lernen, unserem Körper wieder zuzuhören, verändert sich oft auch unser Blick auf Kleidung.

Dann geht es weniger darum, jemand zu werden.

Und mehr darum, bei sich selbst anzukommen.

Ich mag deshalb den Gedanken, dass Kleidung ein Zuhause sein kann.

Nicht, weil sie uns versteckt.

Sondern weil sie uns trägt.

Ein gutes Zuhause drängt sich nicht in den Vordergrund.

Es gibt Schutz, Ruhe und Geborgenheit.

Es lässt uns frei.

Vielleicht darf Kleidung genau das auch.

Nicht mehr.

Aber ganz bestimmt auch nicht weniger.

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